Flachsbrechhaus Göhren

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Flachsbrechhaus in Göhren. Zustand vor der Renovierung (1983)

Das Flachsbrechhaus in Göhren befindet sich am nordwestlichen Dorfrand im rückwärtigen Gartenanteil des Anwesens Hausnummer 20, dem sog. Kübelbauernhof (ehem. Lehen-Nummer 7). In den Jahren 1989 bis 2008 wurde es auf Initiative und mit Mitteln des Frankenbundes – Gruppe Weißenburg restauriert. Besitzer ist die Stadt Pappenheim.

Funktion

Hauptfunktion der Flachsbrechhäuser war - wie der Name sagt - die Bearbeitung von Flachs. Um an die Fasern der Pflanze zu gelangen, die unter anderem zur Produktion von Leinenstoffen benötigt wurden, war ein aufwändiger Verarbeitungsprozess notwendig. Im Brechhaus fanden im Wesentlichen zwei Bearbeitungsschritte statt: das Dörren und das Brechen.

  • Flachsdörren: Beim Erhitzen der Flachsstängel wird das Pflanzenmaterial in Öfen unterschiedlicher Bauart getrocknet und für den nächsten Bearbeitungsschritt- das Brechen- mürbe gemacht.
  • Flachsbrechen: Mit speziellen Werkzeugen wird das getrocknete Flachsstroh in kurzen Abschnitten gebrochen. Hierbei werden die holzigen Hüllanteile, welche die eigentliche Leinenfaser umgeben, zerschlagen. Die zerkleinerten Reste, die „Schäben“, werden beim nächsten Schritt, dem „Hecheln“, ausgekämmt.
Flachsbreche

Lage

Nicht nur für Göhren ist die Lage des Brechhauses am Dorfrand, dem sogenannten Dorfetter, typisch. Aufgrund der besonderen Feuergefahr, die vor allem beim Hantieren mit dem leicht entzündlichen Abfallmaterial der Flachspflanzen (Schäben und Kurzfasern) bei Kerzenlicht bestand, wurde von den zuständigen Behörden die Bearbeitung von Flachs in Wohnhäusern verboten und die Errichtung von eigens dafür vorgesehenen Bauten bestimmt. Diese mussten wegen der ständigen Gefahr von Bränden und dem drohendem Übergreifen auf Wohngebäude möglichst weit entfernt von den Wohnvierteln liegen. Die ältesten gesetzliche Bestimmungen hierzu lassen sich im südlichen Mittelfranken für die erste Hälfte des 18. Jahrhunderts nachweisen.

Das Göhrener Brechhaus

Flachsbrechhaus in Göhren. Zustand nach der Renovierung (2013)

Den Flachsbrechhäusern der Region kommt baugeschichtlich besondere Bedeutung zu, da diese als eigenständiger Gebäudetyp bayernweit nur in Mittelfranken nachweisbar sind. Das heute im renovierten Zustand befindliche Gebäude ist das letzte vollständig erhaltene von ehemals neun Flachsbrechhäusern in Göhren und eines der letzten erhaltenen Brechhäuser außerhalb musealer Einrichtungen („Freilandmuseen“) überhaupt. Die kleineren Brechhäuser, die auf privaten Grundstücken standen, wurden vornehmlich von den Grundstückseignern und deren unmittelbaren Nachbarn genutzt. Neben diesen "Privat-Brechhäusern" gab es in Göhren auch ein großes „Gemeindebrechhaus“, das sich am nordöstlichen Rand des ehemals gräflich-pappenheimischen Dorfes befand. Das Gemeindebrechhaus wurde um 1820 erbaut und 1983 abgebrochen.

Das genaue Datum der Erbauung des Brechhauses ist nicht bekannt. Die Bauzeit lässt sich allerdings in den Zeitraum zwischen 1820 und 1838 eingrenzen. Aufgrund von Baubefunden muss sich in dem nach Süden gelegenen Teil des Gebäudes in früheren Jahren bereits ein Darrofen befunden haben. Bis um 1920 wurde im Brechhaus auf traditionelle Weise Flachs bearbeitet. In den Folgejahren wurden die Darre und der zugehörige Kamin abgetragen. Das kleine Häuschen wurde schließlich als Lagerschuppen, eventuell auch als Garage genutzt. 1989 wurde das Brechhaus auf Initiative des damaligen Kreisheimatpflegers Gustav Mödl mit Mitteln des Frankenbundes restauriert. Im ersten Schritt wurde die Dachkonstruktion erneuert und ein Kalkplattendach aufgebracht. 2006 bis 2008 wurde schließlich nach archäologischen Befunden eines weiteren Brechhauses in Göhren (zu Hausnummer 57, ehem. „Lenzenhof“) ein Dörrofen mit deutschem Kamin rekonstruiert und eingebaut. Am 31. August 2008 konnte der Abschluss der Renovierung mit einem kleinen Fest gefeiert werden. Die mit der gelungenen Renovierung eines der letzten Flachshäuser in der Region verbundenen Leistungen der Frankenbund Ortsgruppe Weißenburg fanden im November 2009 ihre Würdigung in der jährlichen Denkmalprämierung des Bezirks Mittelfranken. Da der neu eingebaute Ofen nicht nur zum Flachsdörren, sondern auch zum Brotbacken geeignet ist, finden am Brechhaus regelmäßig vom Frankenbund und dem Obst-und-Gartenbauverein Göhren durchgeführte Backtage für ihre Mitglieder statt. 2009 wurde der Weißenburger Gruppe des Frankenbundes für ihre besonderen Verdienste um den Erhalt des Gebäudes und dem damit verbundenen finanziellen Engagement von der Stadt Pappenheim ein unbefristetes Nutzungsrecht eingeräumt. Trotz seiner besonderen Bedeutung als Beispiel für Kleingebäude bäuerlicher Nutzung ist das Göhrener Brechhaus nicht als Einzelbaudenkmal in der bayerischen Denkmalliste geführt.

Brot aus dem Ofen des Flachsbrechhauses

Literatur

Seit Sommer 2013 sind die Flachs betreffenden Forschungsergebnisse der Frankenbund-Gruppe als Heft 45 („Flachs und Flachsbrechhäuser“) in der Schriftenreihe der Ellinger Hefte des Stadtarchivs Ellingen veröffentlicht. In dem Heft wird ausführlich die Geschichte des Flachsanbaus in der Region aufgearbeitet, die medizinische Verwendung von Flachsprodukten dargestellt und ein Überblick über die Flachsbrechhäuser im Altlandkreis gegeben - wobei insbesondere das Brechhaus in Weißenburg und das in Göhren herausgestellt sind.[1]

Flachs und Flachsbrechhäuser aus der Reihe Ellinger Hefte


Eine Übersicht über die Geschichte der Flachsbrechhäuser in der Region und ihre baugeschichtliche Bedeutung mit besonderem Augenmerk auf das Brechhaus in Göhren gibt ein Beitrag von Prof. J. Geisenhof in der Ausgabe 20 der Zeitschrift „Das Jurahaus“.[2]

Weblinks

Fußnoten

  1. Ellinger Hefte (45): Flachs und Brechhäuser - Flachsanbau, Flachsaufbereitung und Brechhäuser im Raum Weißenburg (R. Bärnthol, R. Kammerl, A. Mödl, M. Weichmann). In Zusammenarbeit mit den Stadtarchiven Ellingen und Weißenburg. Ellingen (Werbegraphik Schulz) 2013
  2. Prof. J. Geisenhof: Das Flachsbrechhaus des Kübelbauernhofes in Göhren. In: Das Jurahaus (20), Eichstätt, 2014. S. 49-56