Hans Navratil

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Hans Navratil

Hans Navratil (* 28. August 1922 in Mährisch Trübau) ist Fotograf und ehrenamtlicher Stadtarchivar von Pappenheim.

Leben und Wirken

Hans Navratil wurde in Mährisch Trübau im Schönhengstgau geboren, der ehemals größten deutschen Sprachinsel an der böhmisch-mährischen Grenze in der damaligen Tschechoslowakei. Der Schönhengstgau war von 1938 bis 1945 Teil des Sudetenlandes und damit des Deutschen Reiches. Nach Beendigung der Bürgerschule erlernte Hans Navratil den Beruf des Fotografen in seiner Heimatstadt. Während des Krieges arbeitete er in einem Rüstungsbetrieb in Mährisch Trübau. 1945 übernahm er das Geschäft seines Vaters. Durch seine verbindliche Art gelang es ihm, nach dem Einmarsch der Roten Armee sowohl mit den sowjetischen Besatzern als auch mit dem tschechischen Stadtkommandanten gut auszukommen.

Trotzdem musste der junge Familienvater mit Frau und Tochter seine Heimatstadt 1945 unfreiwillig verlassen. So kam er auf Umwegen über Wien und Schwäbisch Gmünd 1946 als heimatloser Vertriebener nach Geislohe. Hier fand er mit seinen Eltern wieder zusammen und wohnte zunächst in Geislohe, ehe er nach Göhren zog. 1950 übersiedelte er nach Zimmern, 1965 nach Pappenheim.

1947 eröffnete der gelernte Fotograf ein Fotogeschäft in Pappenheim, zuerst mit einem Mitinhaber, bevor er diesen auszahlte und in der Wilhelm-Deisinger-Straße 14 ganz auf eigenen Füßen stand. Jeder brauchte Bilder, ob Kinderbilder, Schul-, Konfirmations-, Hochzeits- oder Passbilder, Hans Navratil fertigte sie an. So lernte er schnell seine gut 4.000 Mitbewohner in Pappenheim kennen. Ein dichtes Beziehungsnetz geht auf seine berufliche Tätigkeit zurück.

Hans Navratil brachte sich von Anfang an in das Gemeinwesen ein. In Pappenheim wurde er Mitglied in fast allen Vereinen. Neben dem Turn- und Schützenverein und der Sudetendeutschen Landsmannschaft gilt sein besonderes Engagement dem Fremdenverkehrsverein, dessen langjähriger Geschäftsführer er ist. Heute ist er dessen Ehrenvorsitzender und seit 2002 Träger des Pappenheimers der Werbegemeinschaft. Eine Großzahl Pappenheimer Postkarten ist von ihm veröffentlicht worden - Dokumente eines sich wandelnden Blicks auf die Stadt. Er ist Gründungsmitglied der Burgfreunde. Sein Einsatz im Kunst- und Kulturverein sowie im Heimat- und Geschichtsverein zeigen sein ungebrochenes Einbringen bis heute.

Verdienste um Pappenheim

  • Ordnen des Gemeindearchivs und Erstellen einer Ortschronik von Zimmern zusammen mit dem damaligen Dorflehrer Walter Kunert.
  • Systematisierung des Pappenheimer Stadtarchivs
  • Beginn der systematischen Erfassung der Bewohner der Pappenheimer Häuser.
  • Pappenheim in alten Ansichten
  • Marschall-Friedrich Ferdinand, Graf von Pappenheim (1702-1793), und seine Mätressen
  • Die St.-Michaels-Kirche in Niederpappenheim
  • Die Chronik des Johann Martin Zuttel, der zweite Band Zuttel Zwo
  • Galluskirche Pappenheim mit Friedhof
  • fundierte Artikel im „Gemeindebrief" und kleinere Veröffentlichungen
  • In Vorbereitung befinden sich eine Fortsetzung der sogenannten Fleischmann-Chronik für die Jahre 1900 bis 1909 sowie ein umfassendes genealogisches Werk über die Pappenheimer Bevölkerung unter dem Titel Die Einwohner Pappenheims und ihre Geschichte.

Familie

Navratil ist verheiratet, eine Tochter, einen Sohn und eine Adoptivtochter.

Ehrungen

Für seine Verdienste wurde er 2012 mit der Ehrenbürgerwürde der Stadt Pappenheim ausgezeichnet.

Würdigung

Hans Navratil ist ein angesehener und geachteter Mitbürger. Seine Persönlichkeit ist integer und ohne erkennbare Brüche. Er nimmt durch seine charakterlichen Eigenschaften andere Menschen für sich ein: freundlich, verbindlich und vertrauensvoll, zurückhaltend, trotzdem mit wachem Blick, verlässlich, bescheiden und unbestechlich, intelligent, an anderen interessiert und ihnen offen begegnend. Wer es als 23-Jähriger schafft, im Sudetenland als Deutscher gleichzeitig mit russischen Besatzungstruppen und einem tschechischen Stadtkommandanten zurecht zu kommen, muss jenseits der beruflichen Qualifikation etwas durch und durch Gewinnbringendes an sich haben. Wer als ­Einquartierter in einem kargen fränkischen Dorf nach seiner Ankunft zum Flurer gemacht wird und gleichzeitig als Flüchtlingsobmann Fürsorge für die mitvertriebenen Schicksalsgefährten pflegt, dem werden Überparteilichkeit, ein Handeln ohne Eigennutz und ein distanziert objektiver Blick zugetraut.

Hans Navratil ist nicht mehr und nicht weniger als das Gedächtnis Pappenheims und seiner Ortsteile. Zigtausende von Stunden Recherche-, Sammel- und Archivierungstätigkeit verbringt der ehrenamtliche Stadtarchivar über Salbüchern, im städtischen Archiv, in den Gemeindearchiven und über Kirchenbüchern, wobei Wilhelm Kraft Hans Navratil in das systematische Quellenstudium einführt und ihm die Tore zum gräflichen Archiv öffnet.

Damit ist Hans Navratil zum Bewahrer eines Materials geworden, das heute in dieser Form nicht mehr zusammengetragen werden könnte. Auch wenn es dem Anspruch der Vollständigkeit - niemand anderes leidet mehr darunter als er selbst - oder Wissenschaftlichkeit in einer strengen Weise nicht gerecht werden mag, ist ein unerschöpflicher Fundus an Wissen über die Bürger-, Häuser- und Alltagsgeschichte Pappenheims gesichert worden. Eine große Anzahl von Aktenordnern, in denen in Tausenden von Seiten Exzerpte und Kompilationen verwahrt sind, bedeuten ein akribisch angelegtes Nachschlagewerk, das künftigen Generationen zugute kommen wird.

Hans Navratil gibt sein Wissen über Pappenheim gerne weiter: in Form von Prospekten, durch Stadtführungen, durch Informationen und Interviews für Rundfunk, Fernsehen und Zeitungen. Besonders zu würdigen sind darüber hinaus aber die Selbstlosigkeit, Uneigennützigkeit und Bereitwilligkeit, mit denen er seine Materialien Schülern, Studenten, Forschenden und Autoren geöffnet hat. Ohne dass dies in redlicher Weise immer transparent gemacht worden ist, ist keine der in den vergangenen 40 Jahren erschienenen Veröffentlichungen zur Geschichte Pappenheims ohne die Vor-und Zuarbeiten Hans Navratils denkbar.

So hat er sich für die Erinnerung und das Selbstverständnis Pappenheims, seiner Ortsteile und deren Bewohner ein unauslöschliches Verdienst erworben. Dies geschah in privater bzw. ehrenamtlicher Tätigkeit, getrieben von der Begeisterung für die Erforschung vergangener Zeiten und von der Suche nach einer neuen Verwurzelung und Heimat. Diese würdigt seine Verdienste mit der Verleihung der Ehrenbürgerschaft. [1]

Literatur

Quellen

  • Festrede von Stadtarchivar Stephan Reuthner, Pappenheim, anlässlich der Verleihung der Ehrenbürgerurkunde an Hans Navratil am 28. August 2012
  • persönliche Auskünfte von Hans Navratil an Ulf Beier, Weißenburg

Fußnoten

  1. Würdigung durch Stadtarchivar Stephan Reuthner anlässlich der Verleihung der Ehrenbürgerschaft im August 2012 (gekürzt)