Weißenburger Flurnamen, Teil 2

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Flurnamen geben Hinweise auf das Leben in früheren Jahrhunderten

Das Thema behandelt einige Flurnamen der Stadt Weißenburg und seiner Ortsteile. Grundlage ist das Weißenburger Flurnamenbuch von Ulf BEIER, in dem rund 2.500 Flurnamen behandelt und gedeutet werden, und sein Vortrag beim Historischen Stammtisch am 10. Oktober 2013.

Als Flurnamen bezeichnet man die Namen für die unbewohnte Fläche um eine Siedlung, also die Felder, Wiesen, Wälder, Gewässer aller Art, Berge und Verkehrswege.

Neben Flurnamen, die auf untergegangene Siedlungen hinweisen, gibt es auch jede Menge Namen, die das Leben, vor allem das bäuerliche, in früheren Jahrhunderten offenbaren.

Typische Flurnamen

Breitung

Breitung oder Breite nannte man ein ausgedehntes, großes Feld, also einen Acker, der sowohl lang als auch breit war. Oft gehörte dieses Feld einem Ortsadeligen. Der Name Breitung ist sehr alt und geht bis ins 5./6. Jahrhundert zurück. Er ist damit einer der ältesten Flurnamen überhaupt und lässt somit Rückschlüsse auf eine Siedlung zu, die in die Zeit vor der ersten urkundlichen Erwähnung einer Ortschaft liegen. In der Völkerwanderungszeit war unser Gebiet lange Zeit Durchzugsgebiet, sodass sich keine römischen oder andere vordeutschen Namen erhalten haben. D. h. unsere Gegend hatte offensichtlich keine dauerhafte Besiedlung mit Menschen, die Bezeichnungen weitergegeben hätten. Als dann die ersten Dauersiedler kamen, waren dies germanische Sippenführer, die mit ihrem Gefolge ein Dorf gründeten, in dem sie aber die guten Ackerstücke für sich beanspruchten. Die Flurnamen Breitung oder Breite finden wir in Weißenburg und sechs Ortsteilen, nämlich in Dettenheim, Emetzheim, Haardt, Holzingen, Weimersheim, Weißenburg und historisch in Suffersheim - alles Orte, deren Erstnennung später liegt als ihre Gründung.[1]

= Brühl

Die Schreibung des Wortes Brühl im Laufe der Jahrhunderte

Der Brühl ist ein ortsnahes, ertragreiches, ursprünglich ziemliches feuchtes Wiesenland, w. z. B. am Brühlbach, das ist der Stadtbach unterhalb des Römerkastells in Weißenburg. Im Gegensatz zur Breitung ist der Brühl (oder die Brühl) eine Wiese, u. zw. meist mit einer Sonderstellung, d. h. er gehörte einer Herrschaft und war offenbar wohl eingezäunt bzw. mit einer Hecke umgeben – gelegentlich noch heute. Der Flurname Brühl ist ebenfalls ein Kennzeichen eines sehr alten Ortes. Wir finden diesen Namen z. B. in Emetzheim, Holzingen, Kattenhochstatt, Niederhofen, Suffersheim und Weißenburg.

Espan

Ein sehr häufiger Flurname ist im Fränkischen Espan (Ma äischbə, z. B. in Emetzheim nördlich des Hammerstattgrabens und ist heute Teil der Flur Anger.). Der Espan war nicht eingezäuntes Gemeindeweideland. Der Flurname tritt im Stadtbereich Weißenburg 22 Mal auf. Das Wort hat eine interessante Entstehungsgeschichte: Den Großtieren (Pferden, Kühen) wurden die Vorderfüße zusammengebunden, damit sie nicht ausreißen konnten. Das nannte man spannen. Ê bedeutet Recht, Gesetz, auch Dorfgemeinde (Wir haben es in unserem Wort Ehe erhalten, das Recht, Gesetz heißt). Man unterschied dann, je nachdem, welche Tiere man dort weidete, nach Gänsäischbə, Ochsnäischbə. Nachdem der Espan nicht eingezäunt war, war das Gänsehüten Kinderarbeit, und man war gar nicht begeistert, als die Schule eingeführt wurde, dass man niemanden mehr hatte, der am Vormittag Gänse hüten konnte.

Peunt, Point

Im Gegensatz zum Espan gab es die 'Peunt' (ma baind, z. B. in Oberhochstatt beim Reitplatz, in Kattenhochstatt und Holzingen). Die Paint ist ein dorfnahes, eingefriedetes Wiesenstück, das nicht zur allgemeinen Benutzung zur Verfügung stand, auch nicht dem Gemeindehirten. Seit ältester Zeit hatten die Bauern das Recht, von der Allgemeinwiese einen kleinen hofnahen Teil einzuzäunen und zu nutzen. Das Wort kommt von althochdeutsch biunt, biwund = was sich herumwindet, es war also ein Grundstück mit einem geflochtenen Zaun.

In Oberhochstatt liegt jetzt die Point' aber dorffern. Außerdem gab es nahe beim Parkplatz Am Brand die Flur Flecken', ehem. kleine, kurze Flurstücke, die auch typisch für die Dorfnähe sind und den Flurnamen Steinmäuerle. Ulf BEIER vermutet, dass dort u. U. auch ein Weiler gewesen sein mag. Näheres siehe Weißenburger Flurnamen, Teil 1.

Egern

Auch der Name Egern, Echern, Eggern oder Egarten ist recht häufig. Er offenbart uns ebenfalls ein Stück mittelalterlicher Bodenbewirtschaftung. Als es noch keinen Kunstdünger gab, konnten wenig ertragreiche Böden oft nur für ein paar Jahre unter den Pflug genommen werden. Dann waren sie erschöpft. Sie lagen brach. Mittelhochdeutsch brach hieß egerte. Diese Brache zur Bodenerholung war nötig trotz der sog. Dreifelderwirtschaft, bei der im ersten Jahr Wintergetreide angebaut wurde, das im Herbst gesät wurde, also überwinterte, im zweiten Jahr Sommergetreide und im dritten Jahr ohnehin das Feld brachlag, ehe im vierten Jahr wieder Wintergetreide gesät wurde. Aber man musste diese Felder wegen ihrer geringen Bodengüte mehrere Jahre brach liegen lassen. Und so ist es nicht verwunderlich, dass mancher Egern heute wegen des geringen Ertrages (wieder) Wald ist.

Dörfliches Leben

In vielen Flurnamen spiegelt sich aber auch das dörfliche Leben früherer Zeiten wider.

Kattenhochstatt
  • Eine lustige Geschichte ist die von der Musikantenwiese in Kattenhochstatt. Das ist eine fette Wiese im Heugarten. Sie ist eine Wechselwiese, die drei Besitzer hat. In einem Jahr bewirtschaftet sie der Bauer A, im zweiten Jahr der Bauer B, im dritten Jahr wieder der Bauer A und im vierten der Bauer C. Wer sie mähen durfte, musste aber in diesem Jahr die Musikanten auf der Kirchweih bezahlen – ein zweischneidiges Schwert! Die Wiese liegt im Bildvordergrund östlich des Kinderspielplatzes. Sie ist heute noch eine Wechselwiese.
Holzgasse in Weißenburg
  • Auf der Holzgasse, die es in sehr vielen Orten gibt, ging es nicht nur ins Holz, also in den Wald, um dort Brennholz und Bauholz zu holen, sondern dorthin trieb man z. B. auch die Großtiere wie die Rinder zur Weide, daher der Flurname Triebgasse, Trift, Kühtrieb u. Ä, aber natürlich auch die Schweine zur Eichelmast, die Ziegen und Schafe für die mageren Hänge.

Der Gemeindehirte war durchaus angesehen im Dorf. Schließlich hat man ihm doch sein Vieh anvertraut. Nachdem er aber im Winter nicht hüten konnte, vertraute man ihm dann im Hirtenhaus (von Haardt ist dies überliefert) die Kinder an, die bei ihm in die Schule gingen. Wie viel und was sie gelernt haben, ist nicht überliefert. In Dettenheim hat Ulf BEIER im Buch der Feldgeschworenen den Hinweis gefunden, dass es seit etwa 1550 den Nachweis für eine Schule gibt.

Weniger angesehen war der Beruf des Dorfschullehrers, der nur die Kinder unterrichtete ohne Viehhütefunktion. Sie fehlten im Sommer zum Gänsehüten, wie schon erwähnt, und erst recht zur Feldarbeit. Noch bis in die 1970er Jahre durften die Bauernkinder der 7. und 8. Volksschulklassen zur Erntearbeit vom Unterricht freigestellt werden. Für einen Lehrer reichten nach der landläufigen Meinung neben einer schmalen Entlohnung über die Kirche wohl ein Schuläckerlein oder eine Schulwiese dem Dorfschullehrer noch im 19. Jahrhundert als Besoldung aus. Außerdem bekam er fürs Glockenläuten noch nach dem 2. Weltkrieg in Dettenheim pro Hof zwei Läutgarben, die er mit dem Leiterwägelchen einsammelte.

Viel wäre noch zu berichten über das bäuerliche Leben in der vorindustriellen Zeit, wie es sich in Flurnamen widerspiegelt, z. B. in Beziug auf die Viehhaltung, das Schlachten oder das Flachsbrechen sowie über Berufe im Dorf, z. B. den Schmied, den Müller oder den Dorfbader, über Lehensverhältnisse odgl.[2]

Fußnoten

  1. SCHNETZ, Joseph: Flurnamenkunde, München, 1997, S. 21 u. 60; EIGLER, Friedrich: Weißenburg und sein Umland im Jahre 793 in villa nostra 2/1993, S. 13
  2. Näheres siehe bei BEIER, Ulf: Weißenburger Flurnamenbuch, Weißenburger Heimatbücher, Band 4, Weißenburg o. J. (1995)