Zeitgeschichte 1945–1948 (1)

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Weißenburg zwischen Kriegsende und Währungsreform (1945–1948)

Der Krieg war vorbei, der Hunger und die Not jedoch waren geblieben. Das Markensystem, das die spärliche Versorgung der Bevölkerung gewährleistete, galt weiter. Doch mit den Zuteilungen war eine Familie nicht satt zu bekommen in den Monaten nach dem Kriegsende. Jeder Quadratmeter Garten war vor dem nahenden Winter 1945/46 mit Gemüse oder Salat bepflanzt. Kleinere Dienste für die in requirierten Häusern einquartierten US-Soldaten brachten zusätzlich Lebensmittel und Zigaretten - letztere waren in den ersten Friedensmonaten das Zahlungsmittel schlechthin. Thomas Wägemann vom Weißenburger Stadtarchiv beleuchtet im folgenden Beitrag die Situation nach der,,Stunde Null".

In Weißenburg waren mit dem Einmarsch die ersten Häuser von den US-Truppen und der Militärregierung beschlagnahmt worden - dazu gehörten die Nördliche Ringstraße 1 (Militärregierung), Nördliche Ringstraße 37 (Militärpolizei) oder die Schulhausstraße 10 (Polnisches Konsulat). Im ,,Mitteilungsblatt Nr. 1 - An die deutschen Bewohner der Stadt" informierten die US-Militärs: ,,Es ist auch in Zukunft damit zu rechnen, dass bei Einquartierungen amerikanischer Truppen ganze Häuser und Straßenzüge auf längere Zeit geräumt werden müssen. Pflicht der nicht Betroffenen ist es, die ausquartierten Einwohner aufzunehmen und - wenn auch primitiv - unterzubringen". Insgesamt wurden in den ersten Monaten nach Kriegsende mehr als 70 Gebäude für Zwecke der Militärregierung beschlagnahmt.

Wer geglaubt hatte, nach dem Einmarsch der Amerikaner würde alles mit einem Schlag besser werden, sah sich enttäuscht. Die Lebensmittel waren rar und offiziell nur gegen Bezugsmarken zu bekommen. Die Lebensmittelration für die Wochen vom 23. April bis 27. Mai 1945 durch die US-amerikansiche Militärregierung für die deutsche Zivilbevölkerung pro Woche sah wie folgt aus:

  • 1.500 g Brot
  • 250 g Fleischwaren (meist minderwertige Wurst)
  • 200 g Nährmittel (Kartoffeln, Nudeln, Grieß, (meist grobes) Mehl)
  • 100 g Marmelade
  • 100 g Kaffee-Ersatz
  • 200 g Butterschmalz

Das hieß: kein Zucker, kein Salz, keine Milch, keine Milchprodukte, kein Obst, kein Gemüse.

Im Juni 1945 erhielt dann eine Person pro Woche:

  • 500 g Brot
  • 50 g Fleisch
  • 50 g Nährmittel
  • 125 g Fett
  • 250 g Zucker
  • 125 g Käse
  • 125 g Quark
  • 100 g Kaffee-Ersatz
  • 250 g Kinder-Stärkemehl.

Schwerarbeiter, stillende Mütter und Kinder bis zu sechs Jahren erhielten entsprechende Zulagen. Logische Folge dieser ,,Zwangs-Diät" war die Zunahme des notgedrungenen,,Organisierens", des Schwarzschlachtens und des Schwarzmarktes.

Über das unerlaubte Schlachten berichtet ein Weißenburger Zeitzeuge: ,,Die Küche wurde abgedunkelt. Zum gleichen Zeitpunkt, als es der Sau an den Kragen ging, wurde auf dem Hof eine Arbeit verrichtet, die mit viel Lärm verbunden war. Außerdem wurde das Schlachten auf die späteren Stunden verlegt, sodass mit einem zufälligen Besuch kaum noch mehr zu rechnen war und die Nacht zum Lüften blieb, um den typischen Schlachtgeruch einigremaßen wegzubekommen." Denn Schwarzschlachten war streng verboten, und wer erwischt wurde, musste mit hohen Strafen rechnen. 1945/46 war zeitweilig der Diebstahl von Kleinvieh und Feldfrüchten auf den Dörfern durch hungrige Menschen so groß, dass man dort eine "Flurpolizei" aufstellte.

Not macht erfinderisch. Das zeigt das Beispiel, dass man z. B. die Asche überbrüht hat, dann Tage stehen ließ, abgegossen und gesiebt hat und fertig war seifiges Waschmittel. Bohnerwachs stellte man selbst her, indem man Kerzen zerlaufen ließ. Das Wachs wurde anschließend mit TerpentinöI und einem Färbepulver vermengt und in Dosen abgefüllt. Gummibänder der Motorradbrillen dienten als Hosengummi. Militärstoff wurde eingefärbt und daraus zivile Kleidung hergestellt. Und selbst aus der Hakenkreuzfahne konnte man noch robuste rote Spielhosen für die Kinder nähen.

Bei Lebensmitteln wurde fleißig improvisiert. Aus Rüben kochte man Sirup, der dann als Brotaufstrich verwendet wurde. Beim Metzger Grabner gab es eine Wurst, die im Prinzip nur aus gekochtem und gewürztem BIut bestand und am Rosenbühl konnte man für ein paar Pfennige den sogenannten,,Schluder" kaufen. Dabei handelte es sich um gestockte Milch, die mit eingetauchtem Brot gegessen wurde. "Aus Kaffeesatz haben wir Kuchen gemacht. Eicheln und Buchenrinde wurden zu Mehl verarbeitet. Außerdem haben wir viel von Kleie gelebt", berichtet Frau Schmid-Lindner, die einige Zeit als Übersetzerin bei der Militärregierung tätig war. Natürlich trug die Natur viel zur Linderung der Not der ersten Nachkriegszeit bei. Äpfel, Birnen oder Nüsse waren beliebt wie nie zuvor. Viele Bürger bestätigten, dass die ersten beiden Nachkriegssommer hervorrag€ende Pilzjahre waren und es im Weißenburger Wald sehr viele Steinpilze gab.

Wie die Besprechungsprotokolle der Militärregierung beweisen, gab es in Weißenburg einen regen Schwarzmarkt und Tauschhandel. Begehrte Tauschobjekte waren - neben Alkohol und Zigaretten - die entwendeten Gegenstände aus den Weißenburger Depots. Der Handel damit ging so weit, dass die Militärregierung und die von ihr eingesetzte Stadtverwaltung mit Hausdurchsuchungen und schweren Strafen drohte, wenn die entwendeten Gegenstände nicht unverzüglich zurückgegeben würden.

Eine andere Möglichkeit war das sogenannte "Kompensieren": Man kaufte ein Pfund Butter, behielt ein halbes Pfund und tauschte das andere halbe Pfund gegen 50 Zigaretten, behielt 10 Stück und tauschte die restlichen 40 gegen eine Flasche Wein und eine Flasche Schnaps, behielt den Wein und tauschte den Schnaps bei einem Bauern gegen ein Pfund Butter.

Besonders Kinder und Jugendliche freundeten sich mit amerikanischen Besatzungssoldaten sehr schnell an. Sie bettelten nicht nur erfolgreich um Kaugummi oder ein Stück Schokolade und sammelten eifrig Zigarettenkippen, um den Tabak dann teuer gegen andere Prdodukte einzutauschen. Kinder verstanden es, sich "ihren Ami" zuzulegen, dem dann die Mutter die Wäsche wusch und der sich mit Lebensmitteln bedankte. Ansonsten organisierte man schon einmal einen Diebeszug in ein amerikanisches Verpflegungslager - ein risikoreiches Unterfangen, das aber bei Erfolg sehr ergiebig war.

Das Problem, dass es kaum Schuhe gab oder Papier, konnte dadurch ohnehin nicht gelöst werden - so wenig wie die riesige Wohnungsnot für Tausende von Heimatvertriebenen und Flüchtlingen in Weißenburg. Und dass viele Männer noch in Gefangenschaft waren und somit der Familie nicht nur der Vater, sondern der Ernährer fehlte, waren weitere große Schwierigkeiten der damaligen Zeit.

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Mit dem 20. Juni 1948 endete über Nacht die "Zigarettenwährung". 1949 wurde aus den drei westlichen Besatzungszonen die Bundesrepublik Deutschland gegründet. Lebensmittelkarten gab es noch bis zum 30. April 1950. Das Ende der Besatzungszeit kam in Weißenburg am 25. Januar 1952. An diesem Tag hatte das HICOG-Büro (= High Commission Of Germany) das letze Mal geöffnet. Am 13. Febraur 1952 schließlich wurden Gegenstände der Militärregierung, die nach dem 8. Mai 1945 beschlagnahmt wurden, öffentlich versteigert. Am 5. Mai 1955 wurde die Bundesrepublik Deutschland souverän, indem das Besatzungsstatut aufgehoben wurde. Spätestens damals wurden beschlagnahmte Häuser den früheren Besitzern zurückgegeben. Für deren Renovierung mussten die Altbesitzer jedoch selbst aufkommen.

Siehe auch

Quelle

  • Thomas Wägemann, Stadtarchiv Weißenburg, im Weißenburger Tagblatt vom 26. November 2005